Venedig – Wer Bus, Vaporetto oder Rad nimmt, statt ins Auto zu steigen, soll dafür bald handfest belohnt werden. In der Lagunenstadt haben zwei Anbieter einen internationalen Wettbewerb für nachhaltige Stadtmobilität gewonnen und erhalten eine Förderung von 500.000 US-Dollar, um ihre Apps auf das gesamte Stadtgebiet auszuweiten. Im Zentrum steht dabei nicht neue Technik aus Beton und Stahl, sondern die wohl hartnäckigste Größe im Verkehr – die alltägliche Gewohnheit. Damit wird die Mobilität in Venedig zum Versuchsfeld eines weltweiten Programms.
Belohnen statt verbieten
Hinter dem Wettbewerb steht die Toyota Mobility Foundation (TMF), unterstützt von der Stadt Venedig. Die Grundidee kehrt die übliche Logik um: Statt von den Menschen Verzicht zu verlangen, sollen die Hürden für umweltfreundliche Wege sinken und die unmittelbaren Vorteile steigen. Wer eine Strecke aus Bus und Rad kombiniert, soll sie mit wenigen Fingertipps finden; wer das Auto stehen lässt, soll Punkte sammeln, die sich in Rabatte oder kleine Prämien verwandeln – einlösbar im Geschäft um die Ecke.
Den Angaben des Programms zufolge gehe es weniger um neue Infrastruktur als um digitale Werkzeuge und Aktionen vor Ort, die zum Mitmachen anregen: Wege aufzeichnen, Routen planen, an Wettbewerben unter Kolleginnen und Mitschülern teilnehmen oder schlicht entdecken, dass ein Fußweg kürzer sein kann als gedacht. Begleitend soll an Schulen und Arbeitsplätzen das Bewusstsein wachsen – mit Veranstaltungen und Aktionen im Viertel.
Bella Mossa: Punkte fürs Pedalieren
Eine der beiden Gewinner-Apps heißt Bella Mossa und stammt vom britischen Unternehmen BetterPoints. Sie zeichnet die Wege ihrer Nutzer auf und macht aus dem Verzicht aufs Auto eine sofortige Belohnung: Wer geht, radelt oder öffentliche Verkehrsmittel nutzt, sammelt Punkte und Prämien. Spielerische Elemente und lokale Belohnungssysteme sollen bei der Stange halten. In der Testphase zwischen 2025 und 2026 habe die App nach Programmangaben Zehntausende Autofahrten ersetzt und auch Menschen aufs Rad gebracht, die sonst nie in die Pedale treten.
Andemo: alle Verkehrsmittel in einer App
Die zweite ausgezeichnete Anwendung trägt einen venezianischen Namen: Andemo klingt wie ein „Auf geht’s!“ und wurde vom spanischen Unternehmen Factual Consulting gemeinsam mit dem italienischen Anbieter OpenMove entwickelt. Sie setzt auf das Prinzip „Mobility as a Service“ (MaaS) – verschiedene Verkehrsmittel wie Bus, Bahn, Leihrad oder Taxi werden in einer einzigen Plattform gebündelt, über die sich Fahrten planen, buchen und bezahlen lassen. Über kleine Anreize und eine einfache Bedienung will Andemo das Verhalten im Alltag verändern. Im Pilotversuch sei die App den Projektangaben zufolge mehr als 1.700-mal heruntergeladen worden – bei hoher durchschnittlicher Nutzung und positiver Rückmeldung zum Mobilitätserlebnis.
Insgesamt hätten sich rund 120 Bewerber um den Zuschlag bemüht; durchgesetzt haben sich die beiden Projekte. Für beide lautet das Schlüsselwort „Gamification“: Ein sinnvolles Verhalten wird in ein Spiel aus Zielen, Punkten und Wettbewerben verwandelt – dieselbe Mechanik, die Menschen an Videospiele, Treueprogramme oder soziale Netzwerke bindet.
Venedig als einzige europäische Bühne
Venedig ist eine von weltweit drei Stationen der sogenannten Sustainable Cities Challenge, die gemeinsam mit Challenge Works und dem World Resources Institute umgesetzt wird – neben Detroit und dem indischen Varanasi und als einzige europäische Stadt des auf drei Jahre angelegten Programms. In einer ersten Phase erhielten die Projekte 180.000 US-Dollar für den Start, nun folgen die Mittel für den breiten Einsatz im Alltag der Stadt.
Dass die Wahl auf Venedig fiel, hat mit seiner Vielschichtigkeit zu tun: Die Stadt ist nicht nur Lagune, sondern auch Festland mit Mestre und Marghera, täglich durchquert von Tausenden Pendlern zu Wasser und zu Lande. Zugleich verfügt sie über eine Ausstattung, um die manche europäische Stadt sie beneidet – rund 200 Kilometer Radwege, Sharing-Angebote für Hybridautos, Räder und Tretroller sowie einen Nahverkehr, der neben Elektrobussen bald auch Wasserstoffbusse und Hybrid-Vaporetti umfassen soll.
Genau dieser Reichtum an Möglichkeiten ist aber auch das Problem: Auf dem Festland und den „motorisierten“ Inseln greifen viele aus Gewohnheit, aus Unkenntnis der Alternativen oder wegen gefühlter Kompliziertheit weiter zum Auto. Eine Stadt, die zugleich uralt, stark besucht und logistisch verwinkelt ist, kann den öffentlichen Verkehr und die aktive Fortbewegung nur dann ausbauen, wenn sie materielle Investitionen mit Werkzeugen verbindet, die die Menschen wirklich erreichen.
Was auf dem Spiel steht
Roberto Di Bussolo vom Comune di Venezia erklärt, die eigentliche Herausforderung bestehe darin, Einwohner, Berufstätige und Besucher zu nachhaltigeren Gewohnheiten zu bewegen. Für Monica Perez Lobo, Programmdirektorin der Toyota Mobility Foundation Europe, gehe es darum, die städtische Mobilität inklusiver und zugänglicher zu gestalten. Nun beginne die Phase der Anwendung in größerem Maßstab.
Die Zahlen aus den Tests sind die eines Pilotprojekts – aber offenbar überzeugend genug, damit Stadt und Stiftung den Sprung zur Massenanwendung wagen. Gelingt das Experiment, ließen sich vorhandene Busse, Boote und Radwege in eine Alltagsentscheidung vieler verwandeln. Das Vorhaben sei nicht nur für die Lagune gedacht, heißt es, sondern als Modell für andere historische Städte Europas: Elektrobusse und Hybrid-Vaporetti allein nützen wenig, wenn die App unklar bleibt, das integrierte Ticket kompliziert ist und die Belohnung fürs Stehenlassen des Autos nie ankommt.




















