Bologna – Wer die Bibliothek von Umberto Eco betrat, gehörte für den Hausherrn in eine von zwei Kategorien. Da waren jene, die ausriefen: Meine Güte, Professor, haben Sie die alle gelesen? Und da war die kleine Minderheit, die begriff, dass eine Privatbibliothek kein Denkmal für das eigene Ego ist, sondern Werkzeug. Nassim Nicholas Taleb machte daraus später den Begriff der Antibibliothek – ungelesene Bücher seien wertvoller als gelesene.
Seit dem 1. Juli lässt sich das nachprüfen. Im Novecento-Flügel des Palazzo Poggi, Zugang über die Piazza Puntoni, ist die moderne Arbeitsbibliothek des Semiotikers öffentlich zugänglich: über 32.000 Bände aus seiner Mailänder Wohnung, dazu das Archiv. Konsultation und Führungen laufen über Voranmeldung. Eröffnet wurde im zehnten Jahr nach Ecos Tod – er starb im Februar 2016 in Mailand, geboren wurde er 1932 in Alessandria, und von 1971 bis 2007 hatte er in Bologna den Lehrstuhl für Semiotik inne.
Die Bibliothek von Umberto Eco und das Prinzip des guten Nachbarn
Geordnet ist der Bestand nicht nach Fächern, sondern nach dem von Aby Warburg entlehnten Prinzip des guten Nachbarn: Bücher stehen dort, wo sie thematisch aneinander andocken. Vor dem Umzug wurde die Mailänder Aufstellung Regal für Regal vermessen und dokumentiert, damit sich die Nachbarschaften in Bologna rekonstruieren ließen. Die Folge sind Regalmeter, die sich lesen lassen wie ein Text – und Fundstücke wie Carducci direkt neben Collodi oder ein Tarockspiel, das aus einem Band über Okkultismus ragt. Enthalten sind über 2.000 Ausgaben und Übersetzungen von Ecos eigenen Werken, rund 600 Bücher über ihn, die vollständige Reihe der Comic-Zeitschrift Linus, ganze Regale zu Joyce, Nerval und Borges sowie Arbeitsexemplare seiner Romane mit handschriftlichen Korrekturen.
Der antiquarische Teil ging einen anderen Weg. Die von Eco selbst so getaufte Bibliotheca semiologica, curiosa, lunatica, magica et pneumatica mit rund 1.300 seltenen Titeln und 36 Wiegendrucken liegt seit 2021 in der Nationalbibliothek Braidense in Mailand, wo seit 2022 ein eigens eingerichtetes Studiolo den Raum in Ecos Wohnung nachbildet. Das Verfahren zwischen Kulturministerium und Erben hatte 2018 begonnen; die moderne Sammlung ist der Universität Bologna für neunzig Jahre überlassen. Vollständig ist sie noch nicht – erwartet werden die Bücher aus Ecos Landhaus in den Marken.



















