Kaum ein Autor hat das Verhältnis von Schein und Sein so radikal ausgelotet wie der sizilianische Nobelpreisträger Luigi Pirandello. Sein Theaterstück Enrico IV aus dem Jahr 1922 ist eine tragische Farce über die brüchige Natur der menschlichen Identität. Es erzählt von einem Adligen, der nach einem Reitunfall in der Rolle des deutschen Kaisers Heinrich IV. verharrt, in die er für einen Kostümumzug geschlüpft war.
Enrico IV
Luigi Pirandello (1867–1936)
Erstausgabe: 1922
Worum geht es?
Ein wohlhabender italienischer Aristokrat stürzt bei einem historischen Festzug vom Pferd. Als er erwacht, ist er davon überzeugt, der deutsche Kaiser Heinrich IV. zu sein, dessen Kostüm er trug. Um ihn zu schonen, richtet seine Familie ihm in einer abgeschiedenen Villa in Umbrien einen künstlichen Hofstaat ein, der die Illusion des 11. Jahrhunderts aufrechterhält. Zwanzig Jahre später kommt eine Gruppe von Verwandten und einem Arzt in die Villa, um den Mann mit der Realität zu konfrontieren. Doch die Grenzen zwischen Wahnsinn und bewusstem Spiel, zwischen Wahrheit und Lüge sind längst verwischt.
Über den Autor
Luigi Pirandello (1867–1936) gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts und wurde 1934 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Der auf Sizilien geborene Autor revolutionierte das Theater mit seinen Stücken, die traditionelle dramatische Formen aufbrachen. Seine Werke, darunter das berühmte Drama Sei personaggi in cerca d’autore und der Roman Il fu Mattia Pascal, kreisen um die Themen der multiplen Persönlichkeit, der Relativität der Wahrheit und der Unmöglichkeit, die Realität objektiv zu erfassen.
Stil und Sprache
Pirandello inszeniert in Enrico IV ein „Theater auf dem Theater“. Die Sprache ist präzise und philosophisch, die Dialoge sind scharf und entlarvend. Durch die ständige Vermischung der Zeitebenen und der Realitäten von gespieltem und tatsächlichem Wahnsinn erzeugt der Autor eine Atmosphäre der Verunsicherung. Der Zuschauer oder Leser wird selbst zum Teil des Spiels und muss ständig hinterfragen, was echt ist und was nur Fassade.
Warum lesen?
Das Stück ist eine fesselnde intellektuelle Herausforderung und eine tiefgründige Untersuchung der menschlichen Psyche. Es zeigt, wie wir uns Rollen und Masken erschaffen, um im Leben zu bestehen. Diese „Italianità“ des Theatralischen, der großen Geste, die hier zur Lebenslüge wird, ist ein zentrales Motiv. Enrico IV ist ideal für alle, die sich für psychologische Dramen und die großen Fragen nach Identität und Wirklichkeit interessieren.
Lesetipp
Das Drama liegt in mehreren guten deutschen Übersetzungen vor und wird bis heute regelmäßig auf Bühnen im deutschsprachigen Raum aufgeführt. Wer tiefer in Pirandellos Gedankenwelt eintauchen möchte, dem sei sein wohl berühmtestes Stück Sei personaggi in cerca d’autore (Sechs Personen suchen einen Autor) empfohlen, das die Beziehung zwischen Fiktion und Realität auf ähnliche Weise thematisiert.
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