Jugendliche Randalierer haben von Freitag bis Sonntag in mehreren italienischen Städten Polizisten angegriffen, Geschäfte geplündert und Innenstädte verwüstet. Am schwersten traf es Mailand: Nach den Ausschreitungen vom Samstag kehrten am Sonntagnachmittag Hunderte meist minderjährige Jugendliche in die Gegend um den Dom zurück und schlugen erneut Schaufenster ein. Nach Angaben der Nachrichtenagentur ANSA brachte die Polizei bis zum Abend 160 von ihnen zur Identifizierung in die Questura, rund 80 % davon waren minderjährig.
Die Gewalt entzündete sich an Kundgebungen gegen die Teuerung, hohe Spritpreise und niedrige Löhne, zu denen in rund einem Dutzend Städten aufgerufen worden war. Polizei und Medien beschreiben die Täter überwiegend als sehr junge Männer aus den Vorstädten, die sich über soziale Netzwerke verabredeten und in Italien als „Maranza“ bezeichnet werden. Landesweit zählte die Polizei allein am Samstag 197 Identifizierte, 28 Festnahmen, darunter 12 Minderjährige und 6 Ausländer, sowie 43 Anzeigen.
Die Krawalle in Italien nach Städten
| Stadt und Tag | Bilanz laut Behörden |
|---|---|
| Mailand Samstag | 72 Personen in die Questura gebracht, 17 Festnahmen, 22 Anzeigen, 104 verletzte Einsatzkräfte |
| Mailand Sonntag | 160 Personen bis 19 Uhr in die Questura gebracht, rund 80 % minderjährig; später über 200 |
| Bologna Samstag | 5 Festnahmen, davon 4 Minderjährige, 7 Anzeigen, rund 50 Identifizierte, 75 verletzte Einsatzkräfte |
| Turin Samstag | 12 Personen mit Molotowcocktails und Wurfgeschossen gestoppt, davon 10 minderjährig; 4 Festnahmen, 5 Anzeigen |
| Verona Samstag | rund 200 Jugendliche in der Altstadt, 5 in die Questura gebracht, davon 4 minderjährig |
| Rom Freitag | Schülerdemo mit über 5000 Teilnehmern, Sprengkörper und Böller gegen Polizei und Bildungsministerium |
Stand: 18. Oktober 2026, 22 Uhr · Angaben laut Questure von Mailand, Bologna, Turin und Verona, ANSA, Il Fatto Quotidiano und Open.
Was geschah am Sonntag in Mailand?
Weniger als 24 Stunden nach den Krawallen vom Samstag verabredeten sich die Jugendlichen über soziale Netzwerke erneut auf der Piazza del Duomo. Laut dem Lokalportal MilanoToday kamen rund 2000 Jugendliche in die Innenstadt, überwiegend schwarz gekleidet, viele mit Kapuze und vermummtem Gesicht. Sie bewegten sich nach verschiedenen, übereinstimmenden Angaben in Gruppen von 10 bis 20 Personen.
In der Via Torino plünderten Jugendliche einen Carrefour-Supermarkt und warfen Stühle, Tische und Absperrgitter gegen die Schaufenster weiterer Geschäfte. Nahe der Piazza Cordusio wurden die Filialen von Under Armour und Levi’s ausgeräumt, die Scheibe des Levi’s-Geschäfts schlugen die Täter mit der Lenkstange eines E-Rollers ein. Auch ein Decathlon und Lokale am Corso Garibaldi wurden angegriffen, an der Piazza Cordusio brannten Müllcontainer.
Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein, nachdem Steine, Flaschen und Sprengkörper auf die Beamten geflogen waren. Am Abend kam es zu weiteren Zusammenstößen auf dem Corso Vittorio Emanuele und an der Piazza San Babila. Die Galleria Vittorio Emanuele II wurde abgeriegelt, der Dom schloss vorzeitig für Besucher. Der Mailänder Nahverkehrsbetrieb ATM leitete zahlreiche Linien um.
Unter den am Sonntag Festgehaltenen waren mehrere Jugendliche, die bereits am Samstag identifiziert worden waren. Innenminister Matteo Piantedosi beriet am Nachmittag mit dem Polizeichef und den Spitzen des Innenministeriums, Mailands Questor Bruno Megale war zugeschaltet.
Wie wurde aus dem Protest gegen die Teuerung eine Straßenschlacht?
Mailand
Zu der Kundgebung „Italia in piazza“ gegen Teuerung, Spritpreise und Steuerlast kamen am Samstagnachmittag rund 5000 Menschen auf die Piazza del Duomo. Die Questur war informiert und hatte die Veranstaltung im Vorfeld nicht als gefährlich eingestuft, wie Sky TG24 berichtete. Bereits in der Via Broletto flogen Flaschen auf die Polizei, später verlagerten sich die Zusammenstöße auf den Domplatz.
Die Angreifer nutzten die Größe des Platzes für kurze Vorstöße mit Steinen und Absperrgittern und zogen sich danach rasch zurück. Sie zündeten eine mobile Toilette auf einer Baustelle an, demolierten ein Fahrzeug der Carabinieri und stürmten am Corso Vittorio Emanuele ein Geschäft von Foot Locker. Die Metrostationen der Linien M1 und M3 wurden geschlossen. Allein in Mailand feuerte die Polizei am Samstag nach ANSA-Angaben 484 Tränengasgranaten ab.
Die Questura Mailand zählte am Ende 72 in die Questura gebrachte Personen, 17 Festnahmen und 22 Anzeigen. Unter den Festgenommenen waren nach Angaben von MilanoToday 7 italienische Volljährige, 5 Ausländer und 5 Minderjährige. 104 Polizisten und Carabinieri wurden verletzt, keiner lebensgefährlich. Hinzu kamen Dutzende verletzte Demonstranten. Der Handelsverband Confcommercio Milano schätzt Schäden und Umsatzausfälle in der Innenstadt auf mehr als eine halbe Million Euro.
Bologna
In Bologna zog ein Demonstrationszug von der Piazza Minghetti los. Laut Il Resto del Carlino lösten sich rund 300 Jugendliche vom Hauptzug und griffen ab etwa 16.15 Uhr den Hauptbahnhof an. Reisende konnten den Bahnhof über längere Zeit nur über die Via Carracci verlassen. Die Randalierer warfen Bengalos, Glasflaschen, Steine und Absperrgitter, beschmierten die Seitenwand der Basilika San Petronio und verwüsteten ein Schnellrestaurant im Bahnhof.
Die Ausschreitungen zogen sich bis in die Nacht durch die Via Matteotti, den Park Montagnola und die Piazza Lucio Dalla. Die Questura meldete zuletzt 75 verletzte Einsatzkräfte, zwölf beschädigte Polizeifahrzeuge, fünf Festnahmen, darunter vier 16- und 17-Jährige, sieben Anzeigen und rund 50 Identifizierte. Bei einer festgenommenen 16-Jährigen fanden die Beamten laut dem Sender èTV ein Messer mit 18 Zentimeter langer Klinge.
Bolognas Bürgermeister Matteo Lepore nannte die Szenen unannehmbar und rief die Jugendlichen auf, Gewalttäter in den eigenen Reihen zu isolieren. Ob der Zug genehmigt war, ist umstritten: Lepore erklärte, nach seinen Informationen sei er nicht genehmigt gewesen, die Organisatoren sprechen von einer genehmigten Kundgebung und distanzierten sich von den Schäden.
Turin
In Turin war die Kundgebung als „unpolitisch und überparteilich“ angekündigt worden. Nach Darstellung der Questura übernahmen andere Personen als die Veranstalter die Spitze des Zuges und lenkten ihn zum Bahnhof Porta Nuova. Eine Gruppe drang dort in die Feltrinelli-Buchhandlung ein und warf Bücher und Regale zu Boden. Auf der Piazza Castello und in der Via Po setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas ein.
Die Polizei stoppte zwölf Personen, zehn davon minderjährig, mit Molotowcocktails, selbst gebauten Böllern, Pflastersteinen und Nothämmern. Drei Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren wurden laut Torino Cronaca wegen Herstellung einer Kriegswaffe festgenommen, weil sie Brandflaschen gebaut haben sollen. Verletzte Polizisten meldete die Questura in Turin nicht.
Verona und Bergamo
In Verona versammelten sich am Samstagnachmittag rund 200 Jugendliche an der Piazza Bra, mitten im Wochenendbummel vieler Familien. An der Piazza Pradaval explodierten Böller, Papierkörbe gingen in Flammen auf, Verkehrsschilder wurden herausgerissen, berichtete die Lokalzeitung L’Arena. Gegen 18.30 Uhr tauchte dort eine Gruppe von CasaPound-Aktivisten auf, die Polizei trennte beide Seiten mit einem Einsatz. Die Questura spricht von Vandalismus, aber weder von Schlägereien noch von brennenden Containern. Fünf Jugendliche, vier davon minderjährig, wurden in die Questura gebracht. Auch aus Bergamo meldete Sky TG24 Steinwürfe und Böller gegen die Polizei.
Wie begannen die Ausschreitungen am Freitag?
Den Auftakt bildeten am Freitag Schülerstreiks in mehreren Städten. In Rom zogen laut Polizei mehr als 5000 Schüler zum Bildungsministerium an der Viale Trastevere, die Veranstalter sprachen von 20.000. Auf der Via Marmorata schoben etwa 20 vermummte Teilnehmer Müllcontainer auf die Straße und warfen Böller und Sprengkörper auf die Polizei, berichtete Il Fatto Quotidiano. Vor dem Ministerium flogen Flaschen, Eier und Böller, aus einem Feuerlöscher wurde Pulver auf die Treppe gesprüht. Teilnehmer verbrannten Flaggen der USA und Israels. Der Zug endete nach ANSA-Angaben ohne weitere Zwischenfälle in Testaccio. In Turin wurden am Rand des Schülerstreiks drei Minderjährige festgenommen.
Wer sind die Maranza?
„Maranza“ ist ein italienischer Slangbegriff für Jugendliche, die mit Trainingsanzug, Markenkleidung und Bauchtasche in Gruppen auftreten und mit Kleinkriminalität in Verbindung gebracht werden. Das Wort ist abwertend und wird häufig auf Jugendliche der zweiten Einwanderergeneration aus den Vorstädten bezogen.
Das Bild, das die Behörden vom Wochenende zeichnen, ist gemischter. Laut Polizei, zitiert unter anderem von Sky TG24 und Business.it, kamen die Jugendlichen selbst organisiert und in kleinen Gruppen aus den Vorstädten, dem Mailänder Umland und anderen Provinzen. Viele hätten ausländische Wurzeln in zweiter oder dritter Generation, ebenso viele seien aber Italiener von Geburt und Familie. Unter den Nachnamen der Festgehaltenen finden sich zahlreiche italienische. Eine politische Bindung oder eine zentrale Steuerung sei nicht erkennbar, berichtet Il Post. Verabredet wurde über TikTok, Instagram und Messengerdienste.
In Turin und Bologna mischten sich die Jugendlichen nach Darstellung von Polizei und Medien mit Gruppen aus der linksautonomen Szene und den Centri sociali. Zu der Kundgebung in Mailand hatte das Netzwerk „Italia in piazza“ aufgerufen, das erst seit dem 4. Oktober auf Instagram auftritt. Zeitgleich kam es auch in Frankreich zu Krawallen und Plünderungen, Präsident Emmanuel Macron kündigte am Sonntag an, notfalls bestimmte Versammlungen zu verbieten.
In sozialen Netzwerken kursieren inzwischen Namen und Adressen mutmaßlicher Randalierer, verbunden mit Drohungen, wie Il Giorno berichtet. Die Behörden äußerten sich dazu bislang nicht.
Was plant die Regierung gegen die Gewalt?
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat für Montag, 19. Oktober, einen Gipfel zur öffentlichen Ordnung im Palazzo Chigi einberufen. Teilnehmen sollen laut AGI und L’Edicola die Vizepremiers Matteo Salvini und Antonio Tajani, Innenminister Piantedosi, Verteidigungsminister Guido Crosetto sowie die Spitzen von Geheimdiensten und Polizei. Meloni hatte erklärt, Demonstrieren sei ein Recht, Städte in Brand zu setzen nicht. Sie forderte die Opposition auf, die Gewalt ohne Zweideutigkeit zu verurteilen.
Auf dem Tisch liegen mehrere Vorschläge. Die Lega will Teile eines im Senat beratenen Sicherheitsgesetzes per Dringlichkeitsdekret vorziehen: vorbeugenden Gewahrsam auch für Minderjährige, Versammlungsverbote für Teilnehmer an Gruppengewalt und einen neuen Straftatbestand der gemeinschaftlichen Sachbeschädigung. Salvini fordert zudem eine Kaution für Veranstalter riskanter Kundgebungen sowie mehr Spielraum für Polizisten beim Einsatz von Wasserwerfern und Tasern. Tajani verlangt eine Verstärkung der Militärpräsenz im Rahmen von „Strade Sicure“ in Mailand. In der Mehrheit wird laut L’Edicola auch ein Eilverfahren nach dem Vorbild des Caivano-Dekrets von 2023 erwogen, das bereits die Regeln für jugendliche Straftäter verschärft hatte. Strafmündig sind Jugendliche in Italien ab 14 Jahren.
Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala verurteilte die Gewalt, warf dem Innenministerium aber vor, die Lage unterschätzt zu haben. Am Samstag seien nur rund 200 Polizisten im Einsatz gewesen, zu wenige für Gruppen, die sich schnell aufteilten. Piantedosi wies das zurück und sprach von einem Reflex einer Radical-chic-Linken, die Gewalttäter nicht ohne Einschränkungen verurteilen könne. Senatspräsident Ignazio La Russa nannte den angeblichen Personalmangel nicht existent.
PD-Chefin Elly Schlein betonte, ihre Partei habe mit den Gewalttätern nichts zu tun, diese dürften aber nicht den Protest Tausender friedlicher Menschen übertönen. Der Vorsitzende der Fünf-Sterne-Bewegung, Giuseppe Conte, forderte die Regierung auf, die Ursachen der Wut nicht zu leugnen. Die Partei +Europa verlangt, dass Piantedosi im Parlament berichtet.
Wie geht es weiter?
Der Gipfel am Montag soll klären, ob die Regierung per Dekret handelt oder das Sicherheitsgesetz im Senat beschleunigt. In Turin haben die Organisatoren bereits weitere Kundgebungen für den 24. und den 30. Oktober angekündigt, in Rom planen Schülergruppen für Freitag, 23. Oktober, eine Versammlung zur Fortsetzung ihrer Proteste. In Mailand rechnen die Behörden nach ANSA-Angaben mit weiteren Treffen der Jugendlichen in der Innenstadt.
Reisende in Mailand, Bologna und Turin müssen an den kommenden Wochenenden mit Sperrungen rund um Dom, Galleria und Hauptbahnhöfe, geschlossenen Metrostationen und umgeleiteten Bus- und Tramlinien rechnen. Aktuelle Hinweise veröffentlichen die Verkehrsbetriebe ATM in Mailand, TPER in Bologna und GTT in Turin.




















