Sanremo, Winter 1978: Ein junger Mann im Frack, die Brust voller Orden, steht auf der berühmtesten Bühne Italiens und singt einen Frauennamen wie ein Mantra – «Gianna». Kein Schmachtfetzen, keine Ballade, sondern ein hüpfender, ironischer Ohrwurm, der dem Land augenzwinkernd den Spiegel vorhält. «Gianna» von Rino Gaetano wurde über Nacht zum Hit – und ist bis heute einer der eigenwilligsten Songs, die je aus dem Festival hervorgingen.
Steckbrief
- Künstler: Rino Gaetano
- Erschienen: 1978, aus dem Album «Nuntereggae più» (RCA Italiana)
- Text & Musik: Rino Gaetano
- Genre: Cantautore-Pop mit Ska- und Reggae-Einschlag
- Besonderes: 3. Platz beim Sanremo-Festival 1978; gilt als erster Festival-Beitrag, in dem das Wort «sesso» fiel
Die Geschichte hinter dem Lied
Rino Gaetano, bürgerlich Salvatore Antonio Gaetano, kam 1950 in Crotone zur Welt und war Ende der 1970er einer der schrägsten Vögel der italienischen Musik: ein Kalabrese mit heiserer Stimme, spöttischem Blick und einer Vorliebe für absurde Wortkaskaden. Wo andere Cantautori am Weltschmerz litten, tanzte er ihn weg.
Am 28. Januar 1978 trat er mit «Gianna» beim Sanremo-Festival an – im Frack und mit Orden behängt, halb Zirkusdirektor, halb Bürgerschreck. Die Nummer landete auf dem dritten Platz, doch der eigentliche Sieg fand danach statt: Die Single verkaufte sich glänzend und zählte zu den meistverkauften des Jahres in Italien. «Gianna» machte Rino Gaetano endgültig zum Publikumsliebling.
Der Song stammt vom Album «Nuntereggae più», das im selben Jahr bei RCA Italiana erschien. Musikalisch setzt er auf einen federnden Ska- und Reggae-Groove – ungewöhnlich für einen Festival-Beitrag und ein Grund, warum die Nummer sofort aus dem Programm herausstach.
Worum geht es in «Gianna»?
Auf den ersten Blick klingt «Gianna» wie ein unbeschwerter Partysong über eine Frau. Auf den zweiten ist der Text ein Feuerwerk aus Nonsens, Wortspielen und ironischen Widersprüchen. Gianna wird mit großen, sich gegenseitig aufhebenden Behauptungen umkreist – mal hält sie Thesen und Illusionen hoch, mal verspricht sie Mühen und Mauern. Genau in diesem Durcheinander liegt der Witz: Der Song veralbert das große Reden, das am Ende nichts bedeutet.
Zwischen den Zeilen zeichnet Rino Gaetano das Bild einer Gesellschaft mit Tag- und Nachtgesicht. Am Tag die Fassade, nachts fällt die Maske – wer etwas anzubieten hat, verkauft es an den, der es kauft. Der scheinbar alberne Refrain wird so zur augenzwinkernden Abrechnung mit Doppelmoral, Käuflichkeit und der Jagd nach materieller Sicherheit.
Und dann ist da die Zeile, die Sanremo-Geschichte schrieb: Beiläufig fällt das Wort «sesso» – laut Überlieferung zum ersten Mal überhaupt auf dieser Bühne. Für einen Wettbewerb, der sich gern brav und familientauglich gab, war das ein kleiner Skandal und ein großer Teil des Reizes.
Songtext & Bedeutung
Der Reiz von «Gianna» liegt darin, dass der Text sich jeder geraden Deutung entzieht. Rino Gaetano reiht Bilder und Behauptungen aneinander, die einzeln kaum Sinn ergeben, im Ganzen aber eine Haltung transportieren: Nimm dich und die feierlichen Gesten der Welt nicht zu ernst.
Der Kehrreim lebt vom bloßen Klang des Namens. „Gianna, Gianna, Gianna“ wird zum rhythmischen Motor, an den sich immer neue, widersprüchliche Zuschreibungen hängen. Diese Aufzählungen wirken wie Parolen ohne Programm – und genau das ist der Punkt: Sie karikieren das Pathos, mit dem Politik, Werbung und Showgeschäft Versprechen verteilen.
Eine zentrale Bildebene ist das Verstecken. Der Song deutet an, wie Menschen tagsüber eine Rolle spielen und nachts ihr wahres Gesicht zeigen; wie sich Anspruch und Wirklichkeit, Idealismus und schnödes Eigeninteresse mischen. Der berühmte Verweis auf das Verlangen setzt dem Ganzen die Spitze auf: Statt hehrer Gefühle geht es sehr direkt um Lust – ausgesprochen mit der Beiläufigkeit, die den Song so frech macht.
Über allem liegt Rino Gaetanos ironischer Ton. Ausrufe wie „e dai, e dai“ oder das hinausgeschleuderte „New York“ sind reine Rhythmus- und Klangmomente, fast dadaistisch. Sie zeigen, dass hier einer mehr mit dem Sound der Sprache spielt als mit einer Botschaft – und gerade dadurch eine Menge über sein Land erzählt.
«Gianna» im Video
Unten siehst du «Gianna» in der legendären Live-Fassung vom Sanremo-Festival 1978 – Rino Gaetano im Frack, mit Orden und diebischem Grinsen. Es ist der Auftritt, der die Nummer unsterblich machte.
Wenn du reinhören willst, findest du «Gianna» von Rino Gaetano auch bei den gängigen Streamingdiensten wie Spotify und Apple Music.
Das macht den Song besonders
«Gianna» war der Song, der Rino Gaetanos Ruf als heiterer Anarchist des italienischen Pop festigte. Der Ska-Rhythmus, der Nonsens-Text und der Frack mit Orden ergaben eine Mischung, die 1978 aus dem Rahmen fiel und bis heute frisch klingt.
Dass die Figur „Gianna“ keine reale Person ist, gehört zum Spiel: Rino Gaetano nutzte immer wieder Frauennamen als Projektionsfläche. Fans rätselten trotzdem jahrelang, wer sich hinter dem Namen verberge – ein Beweis dafür, wie gut die Nummer funktioniert.
Der Song blieb ein Dauerbrenner und wurde vielfach neu aufgelegt. In Italien griffen ihn unter anderem Fausto Leali gemeinsam mit Enrico Ruggeri sowie die Band Pinguini Tattici Nucleari auf; 2021 brachten Aiello und Vegas Jones «Gianna» sogar zurück auf die Sanremo-Bühne. Auch außerhalb Italiens fand die eingängige Melodie Nachahmer. Rino Gaetano selbst starb tragisch früh: 1981 verunglückte er mit nur 30 Jahren bei einem Autounfall in Rom. «Gianna» hält seine unbekümmerte, spöttische Art bis heute lebendig.
Fazit
«Gianna» ist der seltene Fall eines Songs, der gleichzeitig Partykracher und feiner Gesellschaftskommentar ist – leicht auf den Ohren, hintergründig im Text. Wer Rino Gaetanos Ironie einmal verstanden hat, hört den fröhlichen Refrain nie wieder ganz naiv. Lust auf mehr italienische Klassiker? Dann wirf einen Blick auf «Nel blu dipinto di blu» von Domenico Modugno, einen weiteren Song, der beim Sanremo-Festival Geschichte schrieb.



















