Cari amici della letteratura italiana, heute entführen wir Sie in eine Zeit voller Umbrüche und glühender Leidenschaften. Stellen Sie sich vor: das Venedig des Risorgimento, besetzt von österreichischen Truppen, ein Pulverfass der Gefühle und politischen Intrigen. Inmitten dieses Chaos entfaltet sich in Camillo Boitos meisterhafter Novelle Senso eine Amour fou, die so zerstörerisch wie faszinierend ist. Eine Geschichte, die unter die Haut geht und die dunklen Abgründe der menschlichen Seele auslotet.
Senso
Camillo Boito (1836–1914)
Erstausgabe: 1883
Worum geht es?
In der Form einer geheimen Beichte erzählt die Gräfin Livia Serpieri von ihrer verhängnisvollen Affäre. Wir befinden uns im Venedig des Jahres 1866, kurz vor Ausbruch des Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieges. Livia, eine glühende Patriotin, verliebt sich unsterblich in den zynischen und berechnenden österreichischen Leutnant Remigio Ruz. Diese alles verzehrende Leidenschaft lässt sie ihre politischen Ideale, ihren Ehemann und letztlich auch sich selbst verraten. Die Novelle folgt Livias emotionalem und moralischem Abstieg, während um sie herum die große Geschichte ihren Lauf nimmt. Es ist eine intime und beklemmende Studie über die zerstörerische Kraft einer blinden Obsession.
Über den Autor
Camillo Boito (1836–1914) war eine der vielseitigsten Persönlichkeiten des italienischen Kulturbetriebs im späten 19. Jahrhundert. Obwohl er heute hauptsächlich für seine literarischen Werke bekannt ist, war er zu Lebzeiten ein ebenso gefeierter Architekt und Kunstkritiker. Als Bruder des berühmten Komponisten und Librettisten Arrigo Boito war er tief in der Mailänder Künstler- und Intellektuellenszene verwurzelt. Boito wird der literarischen Bewegung der Scapigliatura zugeordnet, die mit bürgerlichen Konventionen und romantischer Verklärung brach. Senso gilt als sein unbestrittenes Meisterwerk und als Paradebeispiel für die psychologische Tiefe dieser Epoche.
Stil & Sprache
Das Besondere an Senso ist die radikal subjektive Erzählperspektive. Boito lässt uns die gesamte Geschichte durch die Augen und das fiebrige Bewusstsein der Gräfin Livia erleben. Ihre Ich-Erzählung ist eine schonungslose, selbstanklägerische Lebensbeichte, die den Leser unmittelbar in den Strudel ihrer Gefühle zieht. Die Sprache ist elegant und präzise, aber zugleich unerbittlich in der Darstellung von moralischem Verfall und seelischer Qual. Diese intensive, fast klaustrophobische Atmosphäre macht die Novelle zu einem unvergesslichen Leseerlebnis.
Warum lesen?
Wer Italien verstehen will, muss auch seine dunklen, leidenschaftlichen Seiten kennen. Senso bietet einen faszinierenden Gegenentwurf zum heroischen Bild des Risorgimento und zeigt, wie persönliche Dramen und historische Ereignisse untrennbar miteinander verwoben sind. Diese Novelle ist ein Muss für alle, die psychologisch dichte Geschichten lieben und keine Angst vor den Abgründen der menschlichen Seele haben. Sie beweist, dass die größten Schlachten nicht immer auf dem Feld, sondern oft im Herzen ausgetragen werden. Ein kurzes, aber ungemein kraftvolles Stück italienischer Literatur.
Lese-Tipp
Weltberühmt wurde die Novelle durch die kongeniale Verfilmung von Luchino Visconti aus dem Jahr 1954. Der Film, mit Alida Valli und Farley Granger in den Hauptrollen, ist ein opulentes Meisterwerk des italienischen Kinos. Es ist unglaublich spannend, nach der Lektüre des Buches Viscontis Interpretation zu sehen, die die Geschichte erweitert und ihr ein anderes, dramatisches Ende gibt. Eine gute deutsche Übersetzung ist in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur erschienen.
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