Henry James‘ Roman The Wings of the Dove aus dem Jahr 1902 ist ein tiefgründiges psychologisches Drama, das seine Leser von London in die morbide Schönheit Venedigs führt. Im Mittelpunkt steht eine reiche, junge Amerikanerin, die, dem Tode geweiht, das Leben in Europa sucht. Dort gerät sie in die Fänge eines Paares, das ihre Gutgläubigkeit für einen zynischen Plan missbrauchen will. Es ist eine Geschichte über Moral, Geld und die feinen Risse in der menschlichen Seele.
The Wings of the Dove
Henry James (1843–1916)
Originalsprache: Englisch
Erstausgabe: 1902
Worum geht es?
Milly Theale, eine junge und unermesslich reiche Amerikanerin, erfährt, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leidet. Um die ihr verbleibende Zeit auszukosten, reist sie nach Europa. In London lernt sie die faszinierende, aber mittellose Kate Croy und deren heimlichen Verlobten, den Journalisten Merton Densher, kennen. Kate fasst einen perfiden Plan: Merton soll die todkranke Milly umwerben und heiraten. Nach ihrem baldigen Tod würde er ihr Vermögen erben, was ihm und Kate eine gemeinsame Zukunft sichern würde. Der letzte und entscheidende Teil dieses moralischen Dramas spielt sich in einem alten Palazzo in Venedig ab, den Milly gemietet hat.
Über den Autor
Henry James (1843–1916) gilt als einer der Meister des psychologischen Romans und als zentrale Figur des literarischen Realismus. Der in New York geborene Autor verbrachte den größten Teil seines Lebens in Europa und nahm kurz vor seinem Tod die britische Staatsbürgerschaft an. Seine Werke, darunter berühmte Romane wie Die Europäer oder Bildnis einer Dame, thematisieren oft die Begegnung und den Konflikt zwischen der amerikanischen und der europäischen Mentalität. Italien war für James ein Sehnsuchtsort, den er mehrfach bereiste und der in seinem Schaffen immer wieder eine wichtige Rolle spielte.
Italien-Bezug
Der gesamte Höhepunkt des Romans ist in Venedig angesiedelt. Die Stadt ist hier weit mehr als eine bloße Kulisse. Henry James nutzt ihre einzigartige Atmosphäre aus Pracht und Verfall, um die innere Verfassung seiner Heldin zu spiegeln. Der gemietete Palazzo am Canal Grande wird zur Bühne, auf der sich Täuschung, Hoffnung und Verzweiflung abspielen. James zeichnet ein Bild des Venedigs der Jahrhundertwende, wie es die wohlhabenden angloamerikanischen Reisenden erlebten: ein melancholischer, verführerischer Ort, dessen Schönheit untrennbar mit seiner Vergänglichkeit verbunden ist.
Warum lesen?
Wer Freude an anspruchsvoller Prosa und tiefgründigen Charakterstudien hat, findet in diesem Roman eine lohnende Lektüre. Das Buch vermittelt ein intensives, melancholisches Bild von Venedig, abseits von heiteren Urlaubsklischees. James’ komplexe, aber präzise Sprache leuchtet die Abgründe von Moral, Liebe und Verrat mit großer Subtilität aus. Es ist ein langsames, nachdenkliches Buch für konzentrierte Lesestunden.
Lesetipp
Der Roman liegt in mehreren deutschen Übersetzungen vor, meist unter dem Titel Die Flügel der Taube. Bekannt ist auch die Verfilmung aus dem Jahr 1997 mit Helena Bonham Carter in der Rolle der Kate Croy.
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