Ein Jazzkonzert oder doch eine Strandparty? Der Auftaktabend im NOI Techpark in der Bozner Industriezone verband beides miteinander. Während das Brainteaser Orchestra die Piazza vor dem Wasserturm mit Musik füllte, lauschten die Besucherinnen und Besucher den komplexen Klängen der niederländischen Band. Sie entspannten sich auf Sonnenliegen oder genossen die sommerliche Atmosphäre am Wasserbecken vor dem Transformatorenhaus des ehemaligen Aluminiumwerks. Der Eintritt war frei – typisch für das Südtirol Jazzfestival Alto Adige, das stets mit überraschenden und experimentierfreudigen Klängen aufwartet. Menschen aller Altersgruppen nahmen das Angebot begeistert an – ein Zuspruch, der sich durch sämtliche Konzerte des von Stefan Festini Cucco, Max von Pretz und Robert Tubaro geleiteten Festivals zog.
Beim Südtirol Jazzfestival Alto Adige gilt das Motto „Anything goes” nicht nur für die Musik, sondern auch für die besonderen Orte, an denen fast 60 Veranstaltungen stattfinden. Diese Offenheit und Experimentierfreude locken längst nicht mehr nur ein vielfältiges lokales Publikum, sondern auch zahlreiche internationale Gäste an. Dennoch sind weder die Spielorte noch die Besetzungen beliebig gewählt. Jedes Konzert entfaltet seinen eigenen Reiz durch das Zusammenspiel von Musik und Ort sowie die Begeisterung, mit der hier jenseits stilistischer Grenzen musiziert wird. Diese Besonderheit macht das Südtirol Jazzfestival Alto Adige auch in seiner 43. Ausgabe zu einem mutigen und inspirierenden Fixpunkt in der sommerlichen Kulturlandschaft – weit über die Region hinaus. So schreibt der Musikjournalist und Jazzautor Ralf Dombrowski auf der Webseite uk.jazznews.
Die Natur wird zur Bühne, Infrastruktur zur Kulisse, Wasser und Wälder zu Resonanzräumen: Bei der Klanginstallation Floating Through Sound erlebten Besucherinnen und Besucher am Vigljoch improvisierte Klangwelten. Gitarrist Reinier Baas spielte im Klimastollen in Prettau, die Saxophonist:innen Camilla Nebbia und Dan Kinzelman tauchten im Bunker H in Bozen in einen unterirdischen Wasserraum ein und in der sonnenbeschienenen Franzensfeste ließ die Band Purple Muscle Car mit druckvollem Sound alles Militärische verschwinden. Die JazzZeitung beschreibt ihren Stil als Wiener Elektronik-Underground mit markanten Synthesizer-Klängen, komplex gebrochenen Schlagzeugrhythmen und einem energiegeladenen Bläsersatz, allen voran ein virtuos gespieltes Saxofon. Diese Musik kann regelrecht überwältigend sein und verkörpert den leidenschaftlichen Geist einer unermüdlichen europäischen Szene – selbst an Orten, an denen einst k. u. k.-Soldaten patrouillierten.
Eine gelungene Neuerung stellte in diesem Jahr die Reihe Sonic Reactions dar. Hier trafen jeweils zwei Musiker:innen aus unterschiedlichen Bands erstmals aufeinander, um gemeinsam improvisierte Konzerte zu spielen – etwa in einem Plattenladen, einer Kunstgalerie, einem Yogastudio, einem Café oder einer Buchhandlung. So stießen viele Passanten eher zufällig auf Jazzklänge, während sie durch die Stadt bummelten. Gerade diese unerwarteten musikalischen Begegnungen verliehen vielen Konzerten des Festivals ihren besonderen Reiz.
In einer Halle der Messe Bozen entfaltete die Flötistin Delphine Joussein einen Klangkosmos zwischen impressionistischen Anklängen und experimentellem Noise. Das Festival-eigene Format „Kabarila” entwickelte sich zu einem fünfstündigen „Jazzritual” mit völlig freien Spielformen. In der Fondazione Antonio Dalle Nogare schließlich spannte das Trio Fade filigrane Klangteppiche, bevor die Band The Sleep of Reason Produces Monsters das Publikum mit einem kraftvollen, rhythmisch komplexen Klanggewitter überraschte. So entstand ein musikalischer Cocktail voller Energie, Schärfe und Vielfalt – fordernd, berauschend und niemals langweilig.




















