Taschendiebe stellen erbeutetes Bargeld in sozialen Netzwerken zur Schau
Die Stadtpolizei wertet die Videos aus – doch die Rechtslage bremst die Ermittler seit Jahren
Venedig – In der Lagunenstadt liefern mutmaßliche Täter den Behörden ihr Beweismaterial neuerdings selbst. In sozialen Netzwerken kursieren Videos, in denen Taschendiebe geöffnete Portemonnaies und frisch erbeutete Geldscheine in die Kamera halten. Manche Clips gehen weiter: Sie zeigen die ausgesuchten Opfer und kündigen den nächsten Coup an. Betroffen sind vor allem Touristen in den engen Gassen rund um den Canal Grande. Die Stadtpolizei nutzt das Material inzwischen als Ansatzpunkt für ihre Ermittlungen.
Die Zurschaustellung ist die jüngste Wendung in einem Konflikt, der Venedig seit Jahren beschäftigt. Angefacht hat ihn eine Bürgerbewegung, die Verdächtige in der Altstadt filmt und Passanten mit lauten Warnrufen alarmiert. Bekanntestes Gesicht ist eine Stadträtin, die mit ihrem gerufenen „Attenzione, borseggiatori!“ über die Stadtgrenzen hinaus Bekanntheit erlangt hat. Inzwischen erstatten gefilmte Taschendiebinnen ihrerseits Anzeige gegen die Bürger, die sie aufnehmen – wegen Nachstellung. Der Kommandant der Stadtpolizei erklärte dazu, man könne wenig ausrichten, weil auf nationaler Ebene die passenden Vorschriften fehlten.
Die Bilanz der eigens eingerichteten Anti-Diebstahl-Einheit zeigt das Kernproblem. In neun Monaten wurden rund 130 Taschendiebinnen angezeigt oder aufgegriffen, festgenommen wurden davon sechs – im Gefängnis sitzt derzeit keine. Eine stadtbekannte Täterin, gegen die rund 60 Verfahren laufen, kam mit einem Jahr Haft davon, ohne sie antreten zu müssen. Aus dem Jahresbericht der Polizia locale gehen zudem mehr als 170.000 Bußgelder und über 1.500 Aufenthaltsverbote hervor.
Bürgermeister Luigi Brugnaro verlangt seit Längerem dringende Korrekturen aus Rom. Seine zentrale Forderung: Taschendiebstahl solle wieder von Amts wegen verfolgt werden. Seit der jüngsten Justizreform hängt die Strafverfolgung in vielen Fällen an einer Anzeige der Geschädigten – und die reisen meist längst wieder ab, bevor ein Verfahren in Gang kommt. Die Stadt spricht deshalb von faktischer Straflosigkeit für Serientäter.
Der Druck auf die Ordnungskräfte wächst mit den Besucherzahlen. Venedig zählt rund 25 Millionen Touristen im Jahr, mehr als 70 Prozent davon bleiben nur wenige Stunden. Gegen ein größeres, auf Diebstähle an Touristen spezialisiertes Netzwerk ergingen zuletzt 23 vorläufige Festnahmeanordnungen. Für Reisende bleibt der beste Schutz banal: Wertsachen dicht am Körper tragen und in Menschenmengen besonders aufmerksam sein.




















