Messwerte statt Bauchgefühl: die Klimabilanz eines extremen Sommers
Rekorde in der Luft und im Meer, schrumpfende Gletscher und Flüsse mit einem Viertel des üblichen Wassers.
Rom – Vier Hitzewellen zwischen Juni und Mitte August, Nächte ohne Abkühlung bis hinauf in die Bergtäler und ein Mittelmeer, das sich wie ein lauwarmes Bad anfühlte: Die Klimabilanz dieses Sommers lässt sich inzwischen in Zahlen fassen. Der Juli war in Italien der wärmste seit Beginn der modernen Datenreihen im Jahr 1950. Der europäische Klimadienst Copernicus weist für den Monat ein landesweites Mittel von 24,96 Grad aus – 2,86 Grad über dem Vergleichszeitraum 1991 bis 2020 und damit knapp über den bisherigen Höchstwerten von 2022 und 2015.
Am stärksten fielen die Abweichungen im Nordwesten und entlang der tyrrhenischen Küste aus, wo verbreitet mehr als drei Grad über dem Mittel gemessen wurden. In Teilen der westlichen Po-Ebene lagen sie bei vier bis fünf Grad, auf Sardinien im Schnitt bei 3,75 Grad. Noch deutlicher ist das Signal im Wasser: Die Oberflächentemperatur des Mittelmeers erreichte im Juli 27,35 Grad, ein Plus von 2,60 Grad und der höchste Julimittelwert der gesamten Reihe. Im Ligurischen Meer und rund um Sardinien wurden Abweichungen von annähernd vier Grad registriert. Dazu kam Regenmangel, landesweit fiel etwa ein Fünftel weniger Niederschlag als üblich.
Vom heißesten Jahr aller Zeiten zu sprechen, wäre gleichwohl verkürzt. Global ordnet Copernicus den Juli 2026 mit 1,47 Grad über dem vorindustriellen Niveau auf dem gemeinsamen zweiten Platz ein, hinter dem Juli 2023; ein klarer Rekord war dagegen die Temperatur der Weltmeere. Auch national gilt die Einordnung mit Vorbehalt. In der Sommerstatistik des Instituts für Atmosphärenwissenschaften und Klima ISAC-CNR liegt 2003 mit einem Mittel von 23,6 Grad weiter vorn, gefolgt von 2022. Rekordverdächtig sind einzelne Monate, nicht zwangsläufig die ganze Jahreszeit.
Eindeutig ist die Lage im Hochgebirge. Die Nullgradgrenze, also die Höhe, in der die Temperatur auf null Grad sinkt, kletterte ab Mitte Juni mehrfach über 4.800 Meter. An der Station Punta Rocca auf 3.265 Metern an der Marmolada blieb es tagelang über null, mit Spitzen um fünf Grad. Legambiente beziffert den Rückgang der Zunge des Adamello, des größten italienischen Gletschers, auf 550 Meter zwischen 2015 und 2025, davon 265 Meter allein in den letzten drei Jahren. Fast 90 Prozent der rund 900 Gletscher im italienischen Alpenraum sind kleiner als ein halber Quadratkilometer. Am Stilfser Joch endete der Sommerskibetrieb vorzeitig, weil der Firn nachts nicht mehr durchfror.
Unten im Tal zeigte sich die Kehrseite. Anfang August führte der Po an den Pegeln in Cremona und Pontelagoscuro nur rund ein Viertel seines üblichen Durchflusses, im piemontesischen Oberlauf noch weniger. Die Füllstände von Lago Maggiore, Comer See und Iseosee lagen nach Erhebungen des Wasserwirtschaftsverbands ANBI bei wenigen Prozent ihrer nutzbaren Spanne, während die Speicher im Süden vergleichsweise komfortabel blieben. Gleichzeitig stieg die Last im Stromnetz: Der Netzbetreiber Terna registrierte im Juli mit 32,5 Terawattstunden den höchsten Monatsverbrauch, der in Italien je erfasst wurde, 8,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Jahresspitze fiel auf den 15. Juli mit 58,1 Gigawatt. Was diese Wochen gekostet haben, zeigt die wirtschaftliche Bilanz der Hitze.
In der Fachdebatte verschiebt sich der Ton. Statt jeden Sommer erneut Notfallpläne auszurufen, verlangen Klimaforscher und Umweltverbände dauerhafte Anpassung: entsiegelte und beschattete Städte, sanierte Leitungsnetze gegen Wasserverluste, verlässliche Warnsysteme für Hitzetage, eine umgebaute Landwirtschaft. Ein nationaler Anpassungsplan liegt vor, doch die Kritik richtet sich seit Jahren auf unklare Zuständigkeiten und fehlendes Geld. Für die Gletscher zählt dabei jedes Jahr: Bleibt die Erwärmung auf diesem Pfad, dürften viele kleinere Eisfelder der Alpen noch in diesem Jahrhundert verschwinden.




















