Italien – Jahrelang war die Arbeitswelt fast ausschließlich auf Menschen ausgerichtet, die morgens ihre beste Leistung erbringen. Frühe Meetings und starre Bürozeiten galten als Maßstab für berufliches Engagement. Doch eine neue Untersuchung von Herrmann International in Zusammenarbeit mit dem Portal „il CV perfetto“ zeigt, dass dieses Modell längst nicht mehr die gesamte Arbeitnehmerschaft repräsentiert. Der sogenannten globalen Chronotypen-Studie zufolge variiert die Leistungsfähigkeit im Tagesverlauf erheblich – je nach Alter, Beruf und kulturellem Hintergrund.
Für die Studie wurden die Daten von über 1,5 Millionen Arbeitnehmern in den USA und Kanada sowie von mindestens 1.000 Teilnehmern pro Land in weiteren Staaten, darunter Italien, analysiert. Karim Morgan Nehdi, CEO von Herrmann, vergleicht den Status quo mit einer Welt, die Linkshänder ignoriere. Kleine Anpassungen im Arbeitsalltag könnten demnach bereits zu einer deutlichen Steigerung des Wohlbefindens und der Leistung führen.
Italien an der Spitze der Frühaufsteher
Im internationalen Vergleich weisen einige Länder eine besonders starke Präferenz für die frühen Tagesstunden auf. Italien führt dieses Ranking weltweit an: 52 Prozent der befragten Arbeitnehmer geben an, morgens am aktivsten zu sein. Dahinter folgen Dänemark (48 Prozent) und Schweden (43 Prozent). Ein völlig anderes Bild zeigt sich hingegen in Singapur, wo 45 Prozent der Beschäftigten ihre Hochphase am Abend haben. Auch auf den Philippinen (39 Prozent) und in Brasilien ist die späte Leistungsfähigkeit überdurchschnittlich hoch, was laut den Studienautoren mit einer Verschiebung von Arbeits- und Sozialleben in die späten Abendstunden zusammenhängen dürfte.
Zudem spielen das Alter und die Position im Unternehmen eine entscheidende Rolle. Berufsanfänger haben eine um 29 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit als der Durchschnitt, in der zweiten Tageshälfte produktiver zu sein. Führungskräfte hingegen fallen um 32 Prozent seltener in die Kategorie der Abendmenschen.
Kreativbranche und Dienstleistungen fordern Flexibilität
Besonders in kreativen und dienstleistungsorientierten Berufen konzentriert sich die Leistungsfähigkeit oft auf den Nachmittag oder Abend. In Bereichen wie Kunst (52 Prozent), Bildung (51 Prozent), Texten (33 Prozent), Beratung (30 Prozent), Unterhaltung (25 Prozent) und Dienstleistungen allgemein (22 Prozent) profitieren Arbeitnehmer von weniger Unterbrechungen in den späten Stunden. Jasmine Escalera, Karriereexpertin bei „il CV perfetto“, weist darauf hin, dass die digitale Kultur und Remote-Arbeit diese Unterschiede heute lediglich sichtbarer machen: „Die wahre Frage ist, ob es heute wirklich mehr Abendmenschen gibt, oder ob sie durch die flexiblere Arbeit einfach mehr auffallen.“
Für Unternehmen bedeutet dies ein Umdenken: Das klassische „9-to-5“-Modell benachteiligt vor allem junge Talente und kreative Köpfe. Obwohl Morgenmenschen (mit rund dem Doppelten an Personen) insgesamt immer noch die Mehrheit bilden, können schon kleine Veränderungen – wie später angesetzte Besprechungen oder flexiblere Schichten – Unternehmen dabei helfen, das Potenzial aller Mitarbeiter zu nutzen, ohne die bestehende Organisation völlig umzukrempeln.




















