Femizid in Colleferro erschüttert Italien
Während die Ermittler in der Provinz Rom einen weiteren Fall tödlicher Beziehungsgewalt aufarbeiten, schlagen so viele Menschen wie nie zuvor das Wort „femminicidio“ nach
Colleferro – In Colleferro südöstlich von Rom ist am Dienstagnachmittag eine 50 Jahre alte Frau in ihrer Wohnung getötet worden. Der 69-jährige Ehemann wurde kurz darauf in der Nähe des Hauses aufgegriffen und festgenommen. Er räumte die Tat gegenüber den Beamten ein. Die Staatsanwaltschaft Velletri führt das Verfahren als Femizid.
Die Frau stammte aus Polen, ihr Mann lebte seit rund zwei Jahrzehnten in Italien. Das Paar hatte fünf gemeinsame Kinder. Der jüngste Sohn wurde Zeuge des Angriffs; die älteste Tochter alarmierte nach ihrer Rückkehr den Notruf. Für die Mutter kam jede Hilfe zu spät. Die Kinder wurden noch in der Nacht in einer geschützten Einrichtung untergebracht. Nach ersten Ermittlungserkenntnissen hatte es zwischen den Eheleuten zuvor Spannungen gegeben.
Ein Fall in Venetien nährt den Vorwurf des Behördenversagens
Nur wenige Tage zuvor hatte ein anderer Fall dieselbe Debatte ausgelöst. In Camponogara in der Provinz Venedig starb die 39-jährige Tania Terrin durch die Hand ihres früheren Partners, der sich anschließend das Leben nahm. Die Familie des Opfers hatte den Mann nach eigenen Angaben sieben- bis achtmal angezeigt. Im April war es bereits zu einem Übergriff gekommen, der Mann war verwarnt und zeitweise zwangsweise psychiatrisch behandelt worden. Gestoppt wurde er nicht. Die Mutter der Getöteten spricht seither von einem angekündigten Femizid und wirft dem Staat vor, versagt zu haben.
Statistik im Rückgang, Aufmerksamkeit auf Rekordniveau
Die Zahlen des Innenministeriums zeichnen ein zwiespältiges Bild. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 34 Frauen getötet, nach 54 im Vergleichszeitraum des Vorjahres – ein Rückgang um gut ein Drittel. Zugleich stieg die Zahl der polizeilichen Verwarnungen um rund elf Prozent, jene wegen häuslicher Gewalt sogar um knapp ein Viertel. Seit Dezember 2025 kennt das italienische Strafrecht mit Artikel 577-bis einen eigenen Straftatbestand für den Femizid, der mit lebenslanger Haft bedroht ist. Dasselbe Gesetz verschärfte auch die Regeln für Annäherungsverbote und den Einsatz der elektronischen Fußfessel. Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass ein Strafrahmen nichts nützt, wenn Anzeigen versanden und Schutzmaßnahmen erst nach der Eskalation greifen.
Wie sehr das Thema die Gesellschaft beschäftigt, zeigt eine Auswertung des Istituto Treccani. „Femminicidio“ ist demnach 2026 das am häufigsten nachgeschlagene Stichwort auf dem Portal der Enzyklopädie, vor „maranza“, „fake news“ und „overtourism“. Das Wort war bereits 2023 zum Wort des Jahres gekürt worden. Dass es nun an der Spitze steht, deutet weniger auf sprachliche Neugier als auf ein Land, das nach Begriffen für ein wiederkehrendes Muster sucht.




















