Anschlag auf Sigfrido Ranucci: Beschuldigte brechen ihr Schweigen
Verteidiger beantragen Vernehmungen – und in der Rai kreisen die Namen für die Zukunft von „Report“
Rom – Im Verfahren um den Sprengstoffanschlag auf den Rai-Journalisten Sigfrido Ranucci wollen die vier mutmaßlichen Ausführenden nicht länger schweigen. Ihre Verteidiger Generoso Pagliarulo und Antonio Falconieri haben angekündigt, Vernehmungen vor den Ermittlungsrichtern zu beantragen. Bislang hatten die Beschuldigten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und sich auf knappe spontane Erklärungen beschränkt.
Ausgelöst hat den Kurswechsel der Auftritt von Valter Lavitola. Der Unternehmer und frühere Zeitungsverleger war am 10. August festgenommen worden und sitzt im römischen Gefängnis Rebibbia. Zwei Tage später räumte er in einer mehr als fünfstündigen Befragung ein, den Anschlag in Auftrag gegeben zu haben – allerdings mit einer eigenwilligen Einschränkung: Er habe vier oder fünf Schüsse auf die Hauswand verlangt, keine Bombe. Sein Verteidiger Sergio Cola stellte die Tat als Dienst am Opfer dar, das Ziel sei eine Aufstockung des Personenschutzes von zwei auf acht Beamte gewesen.
Der Ermittlungsrichter hielt davon wenig. Er bezeichnete die Schilderungen als nebulös und völlig unbestimmt, sah Widersprüche und wies den Antrag auf Hausarrest zurück – wegen Flucht-, Wiederholungs- und Verdunkelungsgefahr. Die römische Staatsanwaltschaft geht von einem anderen Motiv aus: Der Anschlag habe Ranucci populär machen und in die Politik drängen sollen, wovon Lavitola selbst hätte profitieren können. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Genau diese Version verschiebt das Gewicht auf jene, die den Sprengsatz gelegt haben sollen. Antonio Passariello, Saverio Mutone und Pellegrino D’Avino sitzen seit Ende Juni in Haft, Marica De Filippis steht unter Hausarrest. Aus abgehörten Gesprächen in Rebibbia geht hervor, dass die Gruppe die Ermittler für bestens informiert hielt und sich darüber wunderte, dass der mutmaßliche Auftraggeber damals noch auf freiem Fuß war. Rekrutiert haben soll die Männer Clesio Tavares Gomes, ein Vertrauter Lavitolas, der sich in Afrika aufhält und in einem Fernsehinterview eine baldige Rückkehr nach Italien ankündigte.
Der Anschlag ereignete sich in der Nacht zum 16. Oktober 2025 vor Ranuccis Wohnhaus in Pomezia südlich von Rom. Die Explosion zerstörte zwei geparkte Autos und beschädigte das Tor, verletzt wurde niemand. Der Moderator steht seit 2021 unter Personenschutz. Sein Anwalt Roberto De Vita nannte Lavitolas Begründung schlicht wahnhaft und verwies darauf, dass Ranucci längst geschützt und international bekannt gewesen sei.
Parallel dazu schwelt ein zweiter Konflikt. Das Ethikkomitee der Rai hat sein Gutachten zu Ranucci an Generaldirektor Giampaolo Rossi übergeben. Es ist beratend, entscheiden muss die Unternehmensspitze. Geprüft wurden mögliche Verstöße gegen den Verhaltenskodex, darunter die Weitergabe interner Kommunikation und kritische Nachrichten über den Sender. Die Sommerwiederholungen von „Report“ hat die Rai bereits ausgesetzt. In Rom kursieren inzwischen Namen für die Nachfolge an der Spitze der Sendung, genannt werden vor allem Peter Gomez, Giorgio Mottola und Federico Ruffo. Ranucci selbst arbeitet an der neuen Staffel, die am 8. November mit zwölf Folgen auf Rai 3 starten soll, und hat erklärt, er werde nur unter Zwang gehen. Im September könnte er von den Ermittlern gehört werden.




















