Mit einer Höhe von rund neun Metern erhebt sich „Silent Hortense“ im Herzen Neapels. Die aus weißem Polyesterharz gefertigte Skulptur zeigt das ruhige Gesicht einer jungen Frau, deren Augen geschlossen sind und die sich das Gesicht teilweise mit den Händen bedeckt. Plensa, der für seine großformatigen Werke im öffentlichen Raum weltweit bekannt ist, hat die Figur auf Grundlage eines realen Modells digital geschaffen. Ihr glatter, makelloser Ausdruck erinnert an klassische Statuen und wirkt zugleich modern und entrückt.
Die Arbeit ist Teil der städtischen Initiative „Napoli Contemporanea“, einem Kunstprogramm, das seit 2023 zeitgenössische Werke im öffentlichen Raum präsentiert. Ziel ist es, Neapels urbane Identität mit künstlerischer Innovation zu verbinden. Kuratiert wird die Reihe von Vincenzo Trione, der als Berater des Bürgermeisters für zeitgenössische Kunst tätig ist.
Zwischen Antike und Gegenwart
Plensas Werk bewegt sich im Spannungsfeld zwischen archaischer Formensprache und moderner Technik. Die Hände, die das Gesicht der Figur berühren, scheinen ihr nicht eindeutig zuzugehören – sie wirken wie archäologische Fragmente und laden zur Interpretation ein. Die Skulptur steht still, beinahe göttlich entrückt, und thematisiert das Schweigen nicht als Abwesenheit von Kommunikation, sondern als bewusste Geste der Reflexion.
In einer Zeit überbordender Informationsflüsse wird das Schweigen zur radikalen Form des Ausdrucks. „Silent Hortense“ verkörpert diesen Gedanken und lädt Passanten ein, innezuhalten. Der Standort, die belebte Piazza Municipio, bildet einen Kontrast zum kontemplativen Charakter der Skulptur – ein bewusster Bruch, der zum Nachdenken anregen soll.
Teil eines städtischen Kulturwandels
„Silent Hortense“ ist nicht allein: Mit dem Programm „Napoli contemporanea“ hat sich Neapel zum Ziel gesetzt, Kunst in den Alltag zu integrieren. Frühere Projekte umfassten Werke von Antonio Marras, Francesco Vezzoli, Michelangelo Pistoletto und anderen. Dabei werden Straßen, Plätze und digitale Räume in temporäre Galerien verwandelt.
Die aktuelle Installation wird durch das Bildungsprojekt „Giro Giro Napoli“ ergänzt, das Kindern auf spielerische Weise Kunst näherbringt. Die Initiative verdeutlicht, wie umfassend Neapel seine kulturelle Rolle neu definiert – nicht mehr nur als Hüterin historischer Schätze, sondern auch als lebendiger Ort künstlerischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart.
Internationale Bedeutung des Künstlers
Jaume Plensa, 1955 in Barcelona geboren, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauern. Seine Werke sind weltweit in Museen und im öffentlichen Raum präsent, beispielsweise in Chicago, New York, Taipeh und Paris. Plensa nutzt unterschiedliche Materialien – von Stein bis Licht, von Ton bis Wasser –, um emotionale Räume zu schaffen. Im Zentrum seiner Arbeit stehen die Themen Stille, Spiritualität und Gemeinschaft.
Die Installation „Silent Hortense“ ist noch bis zum 19. August 2025 auf der Piazza Municipio zu sehen. In dieser Zeit wird die Skulptur nicht nur als Kunstwerk, sondern auch als Zeichen gesellschaftlicher Werte wie Achtsamkeit, Introspektion und öffentlicher Dialog wahrgenommen.



















