Dublin-Überstellungen: Auch Österreich schickt Asylsuchende nach Italien zurück
Vier Fälle seit dem 12. Juni, Zug- und Bustickets statt Charterflüge und ein Streit um den Stichtag
Rom – Nach Deutschland und der Schweiz nimmt nun auch Österreich die Rückführung von Asylsuchenden nach Italien wieder auf. Das Innenministerium in Wien hat bestätigt, dass seit dem 12. Juni vier sogenannte Dublin-Fälle nach Italien überstellt worden sind. Wie viele weitere folgen sollen, ließ die Behörde offen. In Rom spricht man bereits von einem Dominoeffekt.
Hinter dem sperrigen Begriff steckt eine einfache Regel. Wer in der Europäischen Union Schutz sucht, muss sein Verfahren grundsätzlich in dem Staat durchlaufen, den er zuerst betreten hat. Reist jemand weiter nach Norden und stellt dort einen Asylantrag, kann er in dieses Ersteinreiseland zurückgeschickt werden. Genau das ist eine Dublin-Überstellung, und für Italien als Ankunftsland an der EU-Außengrenze bedeutet sie seit Jahren zusätzlichen Druck.
Die österreichischen Behörden gehen dabei unspektakulär vor. Wer kooperiert und wessen Verfahren ein anderer Mitgliedstaat führen muss, bekommt nach Darstellung des Ministeriums ein Zug- oder Busticket und reist selbst. Über den Brenner erreichten die ersten Betroffenen so Südtirol. In Friaul-Julisch Venetien, der zweiten Grenzregion im Nordosten, wächst deshalb die Sorge vor zusätzlichen Ankünften in ohnehin ausgelasteten Unterkünften.
Der Stichtag 12. Juni ist kein Zufall. An diesem Tag trat das neue europäische Migrations- und Asylpaket in Kraft, das die alten Dublin-Regeln durch schnellere und stärker automatisierte Verfahren ablöst. Rom vertritt die Position, dass nur Personen zurückgenommen werden müssen, die nach diesem Datum weitergereist sind. Wien hält dagegen, die direkte Weiterleitung in den zuständigen Staat sei nach geltendem Recht zulässig.
Der Streit hat eine lange Vorgeschichte. Zwischen Dezember 2022 und Ende 2025 gingen rund 80.000 Übernahmeersuchen bei den italienischen Behörden ein, vollzogen wurde praktisch keines. Innenminister Matteo Piantedosi hatte die Aufnahme mit Verweis auf die Belastung des Aufnahmesystems ausgesetzt. Zwischen 2018 und 2022 waren dagegen noch 17.605 Dublin-Fälle nach Italien zurückgekehrt. Nach Eurostat-Daten könnten unter den neuen Regeln mehr als 24.000 Menschen betroffen sein.
Österreich ist damit binnen weniger Tage das dritte Land, das seine Praxis ändert. Die Schweiz hatte tags zuvor angekündigt, nach fast vier Jahren Pause wieder Asylsuchende nach Italien zu überstellen; das Staatssekretariat für Migration steht dafür in engem Kontakt mit Rom, erste Flüge sind für Ende August gebucht. Den Anfang machte Berlin, dessen Kurswechsel einen offenen Streit mit der italienischen Regierung a déclenché.
Außenminister und Vizepremier Antonio Tajani verwies auf den laufenden Austausch mit seinem deutschen Amtskollegen Johann Wadephul. Beide Seiten hätten Migration und den Schutz der EU-Außengrenzen zur Priorität erklärt und wollten stärker gegen Schleusernetze vorgehen.
In Wien selbst passt die härtere Linie in ein größeres Bild. Innenminister Gerhard Karner meldete für Juli einen Anstieg der Außerlandesbringungen um rund acht Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im ersten Halbjahr 2026 verließen 8.856 Menschen das Land, 4.615 davon zwangsweise. Das neue EU-Paket eröffnet zudem einen Ausweg für Staaten, die niemanden aufnehmen wollen: Sie können sich mit 20.000 Euro pro Person freikaufen.




















