Um Europas größtes Stahlwerk bleibt es unruhig
Der indische Konzern Jindal steuert auf Nachverhandlungen zu, während die Justiz eine Frist für den Warmbereich setzt
Tarent – Die für diese Woche erwartete Bekanntgabe des Verkaufs der ehemaligen Ilva ist ausgeblieben. Der indische Stahlkonzern Jindal, der als aussichtsreichster Bieter gilt, steuert stattdessen auf Nachverhandlungen zu einem niedrigeren Preis zu. Zugleich bekräftigt das Unternehmen sein Interesse und erklärt, es bleibe der Übernahme sowohl des Warm- als auch des Kaltbereichs verpflichtet.
Das Verfahren zieht sich inzwischen über ein Jahr. Nach einem aserbaidschanischen Konsortium und einem US-amerikanischen Investmentfonds ist Jindal der dritte Kandidat, mit dem ernsthaft verhandelt wird; als neue Frist für einen Abschluss gilt der 15. September. Im Gespräch ist längst kein reiner Kaufpreis mehr, sondern ein Mietmodell nach dem Vorbild der Vereinbarung mit ArcelorMittal von 2018, flankiert von öffentlichen Mitteln in Höhe von rund einer Milliarde Euro und Entwicklungsverträgen zwischen 700 und 800 Millionen Euro. Unternehmensminister Adolfo Urso betont, einen Schließungsplan gebe es nicht.
Für die Belegschaft ist die Hängepartie zermürbend. 4.450 Beschäftigte am Standort Tarent sind seit dem 1. März in außerordentlicher Lohnausgleichskasse. Die Gewerkschaften traten an diesem Dienstag in Rom erneut an den Verhandlungstisch. Sie stellen sich geschlossen gegen die Jindal-Lösung und kritisieren, öffentliche Mittel würden ohne erkennbares Kriterium eingesetzt.
Parallel dazu erhöht die Justiz den Druck. Das Mailänder Berufungsgericht ordnete in einem Beschluss vom 9. Juli an, den Warmbereich binnen 90 Tagen stillzulegen, sofern nicht zwei Bedingungen erfüllt werden: Der Asbest muss vollständig entfernt werden – rund zwei Tonnen sind noch verbaut – und die Feinstaubgrenzwerte der Umweltgenehmigung müssen eingehalten werden. Ausgelöst hatte das Verfahren eine Elterninitiative aus Tarent. Das Gericht verwies darauf, dass Mesotheliom in Tarent und Statte viermal häufiger auftritt als statistisch zu erwarten wäre.
Die Anlage ist mit einer genehmigten Kapazität von sechs Millionen Tonnen jährlich das größte Stahlwerk Europas, arbeitet derzeit aber weit darunter. Hochofen 1 steht seit Mai 2025 unter gerichtlicher Beschlagnahme, Hochofen 4 blieb trotz angekündigtem Neustart im Juni stillgelegt. Ein Käufer würde zunächst mit einem einzigen Hochofen und etwa zwei Millionen Tonnen anfangen.




















