Silvesterabend in Italien, kurz vor Mitternacht: Irgendwo läuft «L’anno che verrà» von Lucio Dalla – und für einen Moment hält das ganze Land inne. Der Song ist als Brief an einen fernen Freund geschrieben, er zeichnet ein düsteres Bild seiner Zeit und mündet doch in eine trotzige Hoffnung auf das neue Jahr. Hier erfährst du, wie das Lied entstand, worum es in ihm geht und warum es bis heute Italiens inoffizielle Hymne zum Jahreswechsel ist.
«L’anno che verrà» – Steckbrief
- Artist: Lucio Dalla
- Published: 1979 (Album «Lucio Dalla»)
- Lyrics/Music: Lucio Dalla (beides)
- Genre: Cantautore-Pop mit orchestralem Arrangement
- Special features: Italiens bekanntestes Silvesterlied, oft auch «L’anno che sta arrivando» genannt
Die Geschichte hinter «L’anno che verrà»
Ende der 1970er-Jahre erfand sich Lucio Dalla neu. Nachdem er seine Texte jahrelang dem Dichter Roberto Roversi überlassen hatte, begann er, selbst zu schreiben – und fand dabei zu jener Mischung aus Alltagsbeobachtung, Poesie und Ironie, die sein Markenzeichen wurde. Das 1979 erschienene, schlicht «Lucio Dalla» betitelte Album war der Höhepunkt dieser Wandlung: Es wurde zum meistverkauften Album des Jahres in Italien und versammelte gleich mehrere spätere Klassiker, darunter «Anna e Marco» und eben «L’anno che verrà». Für das Arrangement holte Dalla den Orchesterleiter Giampiero Reverberi an seine Seite, am Klavier war unter anderem Ron zu hören.
Entscheidend ist der Zeitpunkt. Das Lied entstand in den sogenannten „anni di piombo“, den Bleijahren – einer Phase, die von politischem Terror, Attentaten, der Entführung und Ermordung Aldo Moros 1978 und einem tiefen gesellschaftlichen Misstrauen geprägt war. Dalla goss dieses Klima nicht in eine Anklage, sondern in die Form eines privaten Briefes. Genau diese Verschiebung – vom großen Politischen ins ganz Persönliche – macht den Song so eindringlich.
Aus einem Zeitdokument wurde ein Ritual. Weil das Lied vom Jahr handelt, das gerade kommt, wanderte es fast von selbst in den Silvesterabend – und wird seit Jahrzehnten überall dort angestimmt, wo Italien den Jahreswechsel feiert.
Worum geht es in «L’anno che verrà»?
Der Song ist als Brief formuliert: Ein Mensch schreibt einem fernen Freund, um sich abzulenken und um zu erzählen, wie es „hier“ gerade zugeht. Was er schildert, ist eine Gesellschaft im Rückzug – Leute, die kaum noch vor die Tür gehen, selbst an Festtagen, die sich abschotten, misstrauisch und verängstigt. Dalla überzeichnet diese Bilder bewusst ins Groteske, bis das Ganze zwischen bitterer Satire und echter Sorge schwebt.
Und dann kippt der Ton. Aus der Enge heraus richtet sich der Blick nach vorn: Das neue Jahr wird zur Projektionsfläche für alles, was anders, freier, besser werden könnte. Der Absender kündigt an, sich vorzubereiten – als sei die Hoffnung selbst eine Entscheidung. Dalla hat betont, das Lied sei „alles andere als pessimistisch“: Es gehe darum, gerade nicht nur das Schreckliche zu sehen. So wird «L’anno che verrà» zu einem Lied über die Kunst, mitten in unsicheren Zeiten an eine bessere Zukunft zu glauben.

«L’anno che verrà»: Songtext & Bedeutung
Der Text von Lucio Dalla ist urheberrechtlich geschützt, deshalb geben wir ihn hier nicht Zeile für Zeile wieder, sondern erklären die wichtigsten Bilder und ihre Bedeutung.
Der Auftakt (der Brief). Das Lied beginnt als vertrauliche Nachricht an einen fernen Freund – geschrieben, um sich ein wenig abzulenken. Schon dieser Einstieg setzt den Ton: privat, ruhig, fast beiläufig. Und doch schwingt von der ersten Zeile an mit, dass etwas nicht stimmt in der Welt, von der da berichtet wird.
Die Zeitdiagnose (die Angst). Der Absender beschreibt eine verunsicherte Gesellschaft: Menschen, die sich abends kaum noch hinaustrauen, die sich einigeln, misstrauisch und in Sorge. Dalla treibt diese Beobachtungen ins Absurde, um die gedrückte Stimmung der Bleijahre greifbar zu machen – eine Welt, die den Atem anhält.
Der Refrain (die Hoffnung). Das Herzstück ist der Blick auf das Jahr, das gerade kommt. Es steht für Veränderung, für einen Neubeginn – und für das Versprechen, sich darauf vorzubereiten. Aus dieser Zeile bezieht der Song seinen ganzen Sog: Sie macht aus einer düsteren Bestandsaufnahme ein Bekenntnis zur Zuversicht.
Die markante Wendung (die Utopie). Zwischendurch entwirft Dalla halb ironisch, halb ernst das Bild einer verkehrten, besseren Welt – eine Art Karneval der Möglichkeiten, in dem selbst das Unmögliche denkbar wird und die Stummen sprechen könnten. Diese utopischen Bilder sind das Gegengift zur Angst: Sie öffnen den Horizont, ohne die Wirklichkeit zu leugnen.
Getragen wird das alles von einem Arrangement, das leise beginnt und sich Strophe für Strophe aufbaut, bis Dallas warme, leicht raue Stimme den Refrain in ein fast feierliches Licht taucht. Genau dieser Bogen von der Enge zur Weite ist es, der «L’anno che verrà» bis heute so bewegend macht.
«L’anno che verrà» live: Lucio Dalla
Wie unmittelbar dieser Song im Konzert wirkt, zeigt diese Live-Aufnahme von «L’anno che verrà» mit Lucio Dalla aus dem Stadio San Paolo in Neapel (1979) – aufgenommen im selben Jahr, in dem das Lied erschien. Vor großem Publikum wird hörbar, wie aus dem intimen Brief eine kollektive Hymne wird: Der Refrain gehört hier längst allen im Stadion.
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Das macht «L’anno che verrà» besonders
- Italiens Silvesterhymne – kein anderes Lied ist so fest mit dem Jahreswechsel verbunden. Weil es vom Jahr handelt, das gerade kommt, erklingt es Jahr für Jahr in der Silvesternacht, auf Plätzen, im Fernsehen und in den Wohnzimmern des Landes.
- Ein Album, das Geschichte schrieb – die Platte «Lucio Dalla» wurde zum meistverkauften Album des Jahres 1979 und machte Dalla endgültig zum eigenständigen Autor-Sänger.
- Oft neu interpretiert – von Dalla selbst, etwa auf seiner gemeinsamen Bühne mit Francesco De Gregori, bis zu jüngeren Stimmen: Beim Sanremo-Festival 2025 sorgte Brunori Sas mit seiner Version für einen viel beachteten Moment.
- Ein Titel, zwei Namen – weil der Refrain so einprägsam ist, wird der Song im Alltag oft «L’anno che sta arrivando» genannt. Offiziell heißt er jedoch «L’anno che verrà».
Damit ist «L’anno che verrà» weit mehr als ein Lied aus dem Jahr 1979 – es ist ein kollektives Ritual, das die Hoffnung auf einen Neuanfang jedes Jahr aufs Neue in Worte fasst. Wenn du Lust auf weitere große Melodien des Landes hast, wirf einen Blick auf unser Porträt von «Caruso» by Lucio Dalla or browse through our posts about Italian music.



















