Italiens Weinberge arbeiten im Scheinwerferlicht
Die Vendemmia 2026 beginnt rund zehn Tage früher als gewohnt – viele Betriebe verlegen die Ernte in die Nacht
Rom – In Italiens Weinbergen wird der Sommer zur Nachtschicht. Immer mehr Betriebe schneiden die Trauben nicht mehr am Vormittag, sondern zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang, weil die Beeren dann deutlich kühler in den Keller kommen. In der Franciacorta starteten mehrere Kellereien in diesem August erstmals um vier Uhr morgens in die Lese, ausgeleuchtet von Stirnlampen und Traktorscheinwerfern.
Der Grund ist önologisch wie ökonomisch. Warme Trauben verlieren auf dem Weg zur Presse schneller ihre Säure, flüchtige Aromastoffe verflüchtigen sich, und angedrückte Beeren beginnen früher zu oxidieren. Wer bei 18 statt bei 32 Grad erntet, muss den Most anschließend weniger stark herunterkühlen und spart Energie. Hinzu kommt der Arbeitsschutz: Gewerkschaftsvertreter der Landarbeiter beschreiben die Nachtlese als Anpassung an Sommer, in denen körperliche Arbeit unter der Mittagssonne zur Gefahr wird.
Der Hintergrund ist ein Mittelmeer, das kaum noch Abkühlung liefert. Die Oberflächentemperaturen liegen in diesem August bei 29 bis 30 Grad, in ausgedehnten Bereichen vier bis fünf Grad über dem langjährigen Mittel. Meteorologen sprechen von einer marinen Hitzewelle. Das warme Wasser dämpft die nächtliche Abkühlung an den Küsten und speichert zugleich Energie, die sich im Herbst in heftigen Unwettern entladen kann.
Entsprechend früh läuft die Ernte an. Coldiretti beziffert den Vorsprung auf rund zehn Tage; der Verband spricht nicht mehr von einem Ausreißer, sondern von einem Trend, der sich seit Jahren wiederhole. Den Auftakt machten die Grundweine für Schaumwein in der Lombardei, kurz darauf folgten auf Sizilien Chardonnay und Pinot Nero. In Apulien und Kalabrien sind die weißen Sorten an der Reihe, in der Toskana könnte der Sangiovese schon in der zweiten Augusthälfte gelesen werden – ungewöhnlich früh für eine späte Rotweinsorte. Insgesamt zieht sich die Vendemmia damit über fast fünf Monate.
Wie viel am Ende in die Tanks fließt, bleibt vorerst offen. Assoenologi, Ismea und die Unione Italiana Vini verzichten in diesem Jahr auf ihre traditionelle Mengenprognose vor der Ernte und wollen belastbare Zahlen erst nach der Lese vorlegen; die Wetterlage sei zu wechselhaft, um seriös zu schätzen. Zur Qualität äußern sich die Erzeuger dagegen zuversichtlich: Die trockene Witterung hielt Pilzkrankheiten in Schach, und die Zuckerwerte stimmen. Ob daraus ein großer Jahrgang wird, entscheidet sich in den kommenden Wochen – und zunehmend im Dunkeln.




















